Rezension vom 29. Mai 2016

KKL ⋅ Der Kulturaustausch funktionierte mit und ohne Luzerner Sinfonieorchester ausgezeichnet – dank der Sängerin Amel Brahim und dem Geiger Sergey Khachatryan.

Nach dem Lunchkonzert vom Donnerstag im KKL schien Anfangen ganz einfach. Da liess – gesungen von der Sopranistin Amel Brahim-Djelloul – ein orientalisches Gedicht eine verschneite Fichte träumen von einer Palme im Wüstensand.

Das poetische Bild für Globalisierung schien ein gemeinsames Motto abzugeben für die unterschiedlichen Konzerte, die das Luzerner Sinfonieorchester diese Woche veranstaltete. Denn im Lunchkonzert wurden arabisch inspirierte französische Kunstlieder arabischen Gesängen gegenübergestellt. Am Freitag trat als Solist des Luzerner Sinfonieorchesters ein armenischer Geiger auf, der im Gespräch bekennt, die Melancholie der «armenischen Seele» fliesse mit in seine Klassik-Interpretationen ein.

Ein Zen-Meister der Geige
Aber im Extra-Sinfoniekonzert wischte der Auftritt von Sergey Khachatryan solche Erwägungen kurzerhand zur Seite. Da wurde klar: Zuallererst muss von ihm die Rede sein. Denn was war das, in Jean Sibelius’ Violinkonzert, für ein Anfang! Aus lauernder Stille heraus wuchs über dem kitzelnd leisen Flimmern des Orchesters der Klang von Khachatryans Violine jäh wie ein Baum empor zu raumfüllender Klang- und Ausdruckskraft. Da wusste man nach den ersten Takten – ein Konzertbesucher reckte passend die Faust in die Luft –, was für ein Ausnahmegeiger auf der Bühne stand.

Obwohl man vor zwei Jahren in Luzern den jüngsten Karriereschub des 31-Jährigen miterleben konnte, war man überrumpelt. Damals debütierte Khachatryan als Gewinner des Credit Suisse Young Artist Award mit den Wiener Philharmonikern am Lucerne Festival.

Zwar erwies er sich schon damals, in Beethovens romantisiertem Violinkonzert, als Zen-Meister, der sich zu absoluter Ruhe sammelt und aus dieser heraus blitzschnell zum Schlag ausholt. Aber jetzt passte das zum dunkleren Violinkonzert des Finnen ungleich besser. Im Wechsel zwischen tonlos nach innen horchendem und saftig anschwellendem Geigenton dramatisierte Khachatryan – äusserlich entspannt und bescheiden – das Werk nach allen Seiten und raute seine Melancholie schroff auf. Selbst süsse Doppelgriffpassagen, hier eine Selbstverständlichkeit, kostete er nicht schwelgerisch aus, sondern steigerte sie drängend zu quälender Schönheit.

Die Vitalität dieser Wiedergabe, die das virtuose Finale ohne Sicherheitsnetz ausreizte, gestaltete das Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan auf hohem Niveau mit. Und es steuerte darum herum seinerseits Beiträge zum Thema Globalisierung bei, die die planmässige Weiterentwicklung der Klangkultur des Orchesters illustrierten.

In der ländlichen Romeo-und-Julia-Suite des französisch geprägten Engländers Frederik Delius führte es impressionistische Klangkultur vor. In Edward Elgars italienisch inspirierter Konzertouvertüre «In the South» und dem tumultuösen Londoner Stadtporträt «Cockaigne» beeindruckte es als schwungvoller spätromantischer Klangkörper mit satten Farben und vorzüglichen Einzelleistungen in allen Registern.

Sängerin zwischen den Kulturen
Unvergessen blieb dennoch das Lunchkonzert, das den interkulturellen Austausch auch interpretatorisch einlöste. Vermittlerin zwischen den Klavierliedern und dem Ensemble mit arabischen Lauten und Perkussion war die Sängerin. Mit ihrer sinnlich-warmen Stimme wechselte Amel Brahim mühelos vom hoch gespannten Kunstgesang in einen beschwörenden Erzähl- und Meditationston und brachte in einer Kadenz beides wie im Delirium zusammen.

Eine Annäherung von der anderen Seite ermöglichte der Geiger Rachid Brahim: Er liess sein Instrument wie eine arabische Rebab klingen, näherte aber auch arabische Stücke eingängig melodisch westlichen Hörerwartungen an. Seelen, das bestätigten beide Konzerte, sind eben nicht armenisch, arabisch oder europäisch, sondern kennen keine Nation.

Urs Mattenberger