Michael Sanderling - ein Porträt

von Julia Spinola

Als am 25. März 2019 im KKL Luzern die fünfte Sinfonie von Beethoven erklang, markierte dies den Höhepunkt einer zweiwöchigen Residenz des Dirigenten Michael Sanderling beim Luzerner Sinfonieorchester. Michael Sanderlings Beziehung zum Luzerner Sinfonieorc hes- ter währte zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahrzehnt. Die vertiefte Zusammenarbeit im Frühling 2019, zu der auch eine erfolgreiche Südkorea-Tournee zählte, hob diese Be zie hung noch einmal auf eine neue künstlerische und emotionale Ebene. Sie schuf die Basis für den einhelligen Wunsch von Intendanz und Orchester, Michael Sanderling als neuen Chef dirigenten von Beginn der Saison 2021/22 an zu gewinnen. Beide Seiten waren sich rasch einig und im November 2019 konnte der Aufbruch in eine neue Ära öffentlich verkündet werden.

«Das ist ein Orchester, das schon bei der ersten Probe hervorragend vorbereitet ist, dann die Dinge sehr schnell umsetzt und schliesslich auch in höchster Eigenverantwortlichkeit und ohne jeden Verlust ins Konzert trägt.»

Der Name Sanderling hat in der Musikwelt eine ganz besondere Aura. Musikerdynastien sind zwar an sich nichts Seltenes. Dass jedoch in einer Familie sowohl der Vater als auch alle drei Söhne bekannte Dirigenten werden, ist schon etwas Besonderes. Michael Sanderling ist der 1967 in Ost-Berlin geborene jüngste Sohn dieser Künstlerfamilie. Er hat gleich zwei musikalische Karrieren gemacht, eine als Cellist und eine als Dirigent, und damit gleichsam beide Elternteile beruflich beerbt. Seine Mutter Barbara Sanderling hatte in den 1950er-Jahren als erste professionelle Kontrabassistin Deutschlands reüssiert. Sie spielte 25 Jahre lang im Berliner Sinfonie-Orchester und lehrte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Sein Vater war die Dirigentenlegende Kurt Sanderling, der 1936 als Jude in die Sowjetunion floh, dort als zweiter Chefdirigent neben Jewgeni Mrawinski bei den Leningrader Philharmonikern wirkte und ein enger Freund Dmitri Schostakowitschs wurde. 1960 holte die DDR-Führung Kurt Sanderling nach Ost-Berlin, wo er das Berliner Sinfonie-Orchester leitete und daneben einige Jahre lang auch die Sächsische Staatskapelle Dresden. Wie seine älteren Geschwister Thomas und Stefan war auch Michael Sanderling von frühester Kindheit an von Musik umgeben. Als Kinder sassen die Brüder sonntags in den Orchesterproben mit Partituren auf dem Schoss, die sie noch gar nicht lesen konnten, erinnert sich Michael Sanderling im Gespräch. Zuhause wurde gemeinsam musiziert. Michael begann im Alter von vier Jahren, Cello zu lernen, und studierte bald an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin bei Josef Schwab. Kurt Masur engagierte den 20-Jährigen als Solo-Cellisten an das Gewandhausorchester Leipzig, später wechselte Michael Sanderling ins Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und gastierte als international gefragter Solo-Cellist mit grossen internationalen Orchestern.

«Ich hatte immer gedacht, es wäre doch schön, wenn einer aus der Familie bei einem ernsthaften Beruf bleibt», erzählt Michael Sanderling jetzt schmunzelnd. Doch als er am 25. Dezember 2001 – das Datum ist ihm bis heute präsent – im Berliner Konzerthaus mit Werken von Rossini, Beethoven und Brahms seinen Einstieg als Dirigent gab, liess sich eine weitere dirigentische Hochbegabung in der Familie Sanderling weder länger verbergen noch aufhalten: «Aufgrund dieses einmaligen schicksalhaften Verlangens nach dem Dirigieren stellte sich dann eben doch plötzlich heraus, dass etwas in den Händen drinsteckt. Daraus resultierte sehr schnell eine Leidenschaft, die ich nicht mehr stoppen konnte.»

«Ich geniesse es sehr, wie hier über den Tellerrand hinausgeschaut wird.»

Von 2006 bis 2010 nahm Michael Sanderling seine erste feste Position als Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam an. 2010 löste er Rafael Frühbeck de Burgos als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie ab und beschloss, die Cello-Laufbahn zugunsten des Dirigierens aufzugeben. Seine Leidenschaft für dieses Instrument kommt jedoch weiterhin seinen Studenten an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zugute, wo Sanderling seit 1998 als Cello-Professor lehrt, wie zuvor bereits an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Zwischen 2000 und 2003 hatte er zudem eine Professur an der Hochschule der Künste Bern inne. In seinen neun Jahren als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie hat sich Michael Sanderling auch einen hervorragenden internationalen Ruf als gefragter Gastdirigent bei führenden Orchestern weltweit erworben. Preisgekrönte Einspielungen aller Sinfonien von Beethoven und Schostakowitsch dokumentieren die Dresdner Ära. Bereits in diese Zeit reicht auch seine Verbindung zum Luzerner Sinfonieorchester zurück.

Zwei Dinge sind es vor allem, die Michael Sanderling am Luzerner Sinfonieorchester besonders schätzt. Erstens die hohe Professionalität: «Das ist ein Orchester, das schon bei der ersten Probe hervorragend vorbereitet ist, dann die Dinge sehr schnell umsetzt und schliesslich auch in höchster Eigenverantwortlichkeit und ohne jeden Verlust ins Konzert trägt», erklärt Michael Sanderling. Ebenso wichtig erscheint ihm zweitens der «jugendliche Elan und Ausdruckswille», den das Orchester besitzt. Dadurch, dass dem Orchester aufgrund seiner kleineren Besetzung naturgemäss noch die langjährige Erfahrung im grossen spätromantischen Repertoire fehle, sei es besonders neugierig und vor schlechter Routine gefeit. Diese Lust am gemeinsamen Suchen und an der Weiterentwicklung möchte Michael Sanderling nun nutzen, um das Orchester an dieses Repertoire heranzuführen. «Nachdem das Orchester in der Kammersinfonik und in den sinfonischen Werken der Klassik Grosses vollbracht hat, ist es jetzt an der Zeit, in grosser Besetzungsstärke das romantische Repertoire anzugehen und zu einem beständigen Moment zu machen», erklärt er die gemeinsamen Ziele. Auch zu seiner persönlichen künstlerischen Entwicklung passt dieses neue Anforderungsprofil sehr gut, nachdem er seinen Schwerpunkt in Dresden in den vergangenen Jahren bewusst auf Beethoven und die sinfonischen Auswirkungen bei Schostakowitsch gelegt hatte. Das Orchester soll in den kommenden Jahren sukzessive sinnvoll vergrössert werden. Zugleich betont Michael Sanderling, dass er in diesem Prozess den ursprünglichen, kammermusikalisch geprägten Geist der Musiker, den er besonders schätzt, unbedingt beibehalten möchte.

Michael Sanderling ist ein Künstler, der keine halbe Sachen mag. Während manch ein anderer Dirigent mehrere Chefpositionen gleichzeitig annimmt und seinen Lebensmittelpunkt möglicherweise zudem an einem weiteren Ort hat, ist die Familie Sanderling schon Monate vor Saisonbeginn in die Nähe von Luzern gezogen. «Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass eine Identifizierung mit einer so wundervollen Aufgabe, wie ich sie jetzt übertragen bekommen habe, auch einhergehen muss mit einer Integrierung in das Stadtgeschehen und die lokale Gesellschaft», begründet Michael Sanderling diese Entscheidung. «Ich kann doch nur eine Handschrift mit dem Orchester erfinden, wenn ich genug Gelegenheit dazu habe. So etwas macht man nicht mit wenigen Wochen Anwesenheit im Jahr.» Auch der Nachwuchsförderung wird er sich widmen, wozu das neu bezogene Orchesterhaus fabelhafte Möglichkeiten bietet. An Luzern schätzt er schon jetzt die weltoffene Mentalität, die in der Stadt herrsche – nicht zuletzt, da das KKL ein kultureller Magnet in Europa sei. «Ich geniesse es sehr, wie hier über den Tellerrand hinausgeschaut wird», schwärmt er. Dem begeisterungsfähigen Luzerner Sinfonieorchester stehen mit diesem weltläufigen Dirigenten spannende Jahre des Aufbruchs und der Weiterentwicklung bevor.

Julia Spinola entschloss sich erst nach einer Schauspielausbildung zum Studium der Musikwissenschaft, Sprach wissenschaft, Philosophie und Soziologie in Köln und Frankfurt am Main. Von 2008 bis 2013 leitete sie das Musik ressort der FAZ und schreibt seitdem für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung sowie den Deutschlandfunk. Zuletzt erschien im Henschel-Verlag der Gesprächsband Herbert Blomstedt: Mission Musik.