Interview

Bereits seit mehreren Jahren werden im Programm der Musikvermittlung spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Angebote für Menschen mit Demenz entwickelt. Als erstes Orchester in der Schweiz erhält das Luzerner Sinfonieorchester im Januar die Label-Auszeichnung «Kultur inklusiv» in den Bereichen Vermittlung und Konzerte. Diana Lehnert von der Musikvermittlung spricht im Interview über die vielfältigen Projekte des Orchesters zur inklusiven und bedürfnisgerechten Musikvermittlung.

Diana Lehnert, Sie sind Projektleiterin des Pionierprojekts «Ensemble D», das Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen regelmässig zu den regulären Lunchkonzerten einlädt. Wie kam es zu diesem Angebot?
Nach einem Vortrag von Ursula Weibel von der Tagesstätte Pilatusblick kam unser Intendant, Numa Bischof Ullmann, auf die Idee, ein musikalisches Angebot für diese Zielgruppe zu schaffen. Uns war es ein Anliegen, auch Menschen mit Demenz Konzerterlebnisse gemeinsam mit ihren Angehörigen zu ermöglichen.

Wie sind Sie bei der konkreten Umsetzung des Projektes vorgegangen?
Wir haben im Vorfeld viele Gespräche geführt, insbesondere mit Leiterinnen und Leitern von Wohnheimen und Tagesstätten für Menschen mit Demenzerkrankung. Sandra Baumeler, die ehemalige Leiterin der Alzheimervereinigung Luzern, hat uns bei der Umsetzung ganz besonders unterstützt. Dabei wurde uns schnell klar, dass sich die Lunchkonzerte speziell für dieses Vorhaben eignen.

Worauf muss bei dieser Bedürfnisgruppe besonders geachtet werden?
Wir bemühen uns um ein Setting, das den Bedürfnissen dieser Menschen entspricht: Die demenzkranken Menschen und ihre Angehörigen kommen in Ruhe im Backstagebereich an, können gemeinsam einen Tee trinken und sich austauschen. Dann gibt es eine Einstimmung, bei der wir jeweils auf das Konzert im Anschluss eingehen. Danach gibt es ein bedürfnisgerechtes leichtes Mittagessen mit Fingerfood. Anschliessend besuchen unsere Gäste gemeinsam mit dem regulären Publikum das Konzert. Dabei sind die Randplätze explizit für sie reserviert – falls jemand einmal das Bedürfnis verspürt, vorzeitig gehen zu müssen.

Die Einstimmung wird nicht für das gesamte Publikum angeboten?
Unsere Lunchkonzerte sind mit einem Mittagessen verbunden. Dieses fällt für das reguläre Publikum üppiger aus und dauert damit auch länger. Zudem besteht die Qualität dieser Einstimmungen darin, dass dabei eine ruhige und entspannte Atmosphäre vorherrscht. Das ist besonders wichtig für die demenzkranken Teilnehmenden und kann nur mit einer entsprechend kleinen und für die besonderen Bedürfnisse sensibilisierten Gruppe gewährleistet werden.

Wird das reguläre Publikum über die Anwesenheit der Konzertbesucherinnen und -besucher mit Demenz informiert?
Wir haben von Anfang an mit Handzetteln direkt vor den Konzerten darüber informiert. Das Ziel war es, Verständnis dafür zu erzeugen, dass unerwartete, emotionale Reaktionen auf die Musik seitens der demenzkranken Konzertbesuchenden passieren können. Das Feedback war sehr positiv: Die Angehörigen der demenzkranken Gäste und auch das reguläre Publikum melden uns immer wieder zurück, wie sehr sie dieses Engagement schätzen.

Ein sehr inklusives Engagement...
Ja, ich spreche in unserem Kontext gern auch vom Verbindenden. In unserer Musikvermittlung versuchen wir nicht nur die Verbindung zwischen Mensch und Musik herzustellen, sondern auch die Verbindung unter den Besucherinnen und Besuchern selbst. Es ist uns ein grosses Anliegen, für die Vielfalt unserer Gesellschaft zu sensibilisieren.

2016 erhielt das Luzerner Sinfonieorchester für dieses Angebot den Fokus-Anerkennungspreis der Alzheimervereinigung Luzern. Fahren Sie mit dem Angebot so weiter?
Natürlich. Diese Erfahrung war für uns ausgesprochen lehrreich und ein Ansporn. Wir sind überzeugt: inklusive Konzerte stellen für alle Beteiligten eine Bereicherung dar. Für die demenzkranken Menschen und ihre Angehörigen, für unser reguläres Publikum und auch für uns selbst. Wir überlegen deshalb, ob wir das Angebot noch weiter ausbauen.

Wie könnte eine weitere Öffnung der Lunchkonzerte aussehen?
Wir möchten prüfen, ob sich unsere Lunchkonzerte, oder andere Formate wie unsere Familienkonzerte oder unsere inszenierten Konzerte, auch für Menschen mit anderen Formen von kognitiven Beeinträchtigungen eignen. Das hängt immer auch von den jeweiligen Bedürfnissen ab. Auch hier werden wir uns mit Fachleuten und, soweit möglich, mit den potenziellen Konzertbesucherinnen und -besuchern beraten.

Das Luzerner Sinfonieorchester setzt noch weitere Vermittlungsprojekte um, etwa den Musikwagen. Dieser ist insbesondere auf das junge Publikum ausgerichtet...
Der Musikwagen ist eine gemeinsame Initiative der Drosos Stiftung und des Luzerner Sinfonieorchesters. Es handelt sich dabei um einen eigens für die interaktive Musikvermittlung konzipierten Wagen, der seit 2014 mobil in der Innerschweiz unterwegs ist. Auf Wunsch der Drosos Stiftung haben wir das Programm des Musikwagens in einer ersten Phase vor allem auf die Zielgruppe der 6- bis 12-jährigen Kinder fokussiert, waren aber beispielsweise auch bei der Caritas Obwalden oder der Strafanstalt Wauwilermoos zu Gast. Für die kommende Saison 2017/18 prüfen wir, inwieweit wir neue Zielgruppen erreichen können.

Gibt es schon konkrete Ideen, welche weiteren Zielgruppen der Musikwagen ab der nächsten Saison ansprechen könnte?
Unser Musikwagen ermöglicht vielfältige Zugänge zur Musik- und Klangwelt. Man kann dabei sehr interaktiv und kreativ mit Musik in Berührung kommen. Er ist für Jung und Alt spannend. Der Musikwagen könnte in Zukunft noch stärker im öffentlichen Raum zum Einsatz kommen, etwa auf öffentlichen Festen und Märkten. Das kam bisher etwas zu kurz.

Eignet sich diese interaktive Musikvermittlung nicht auch besonders für die Zusammenarbeit mit Heilpädagogischen Schulen?
Natürlich. Wir haben bisher in jeder Spielzeit gemeinsam mit verschiedenen Heilpädagogischen Schulen Projekte mit dem Musikwagen umgesetzt und schätzen diese Zusammenarbeit. Deshalb möchten wir diese Möglichkeit in Zukunft auch weiterführen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Heilpädagogischen Schulen gesammelt?
Ich möchte klar betonen, dass sich diese Arbeit nicht massgeblich von der Arbeit mit Regelschulklassen unterscheidet. Bei allen Vermittlungsprojekten geht es in erster Linie um die Bedürfnisse der Teilnehmenden: spannende Themen, einfache und klare Kommunikation, Interaktion. Es erfordert Flexibilität, sowohl bei Teilnehmenden mit als auch ohne Behinderungen.

Setzen Sie Vermittlungsprojekte auch in inklusiver Zusammensetzung um?
Wir haben erst kürzlich einen Workshop für Jugendliche gemacht: Dabei haben vier junge Männer aus unserem Club U25 jeweils zu zweit eine Konzerteinführung zu unseren Abendkonzerten erarbeitet und vor Publikum durchgeführt. Einer von ihnen ist blind und hat eine starke Hörbehinderung. In meinen Augen waren diese Einführungen äusserst spannend und dramaturgisch überzeugend gestaltet.

Sind weitere inklusive Vermittlungsprojekte oder Massnahmen geplant?
Wir verstehen uns als Kulturinstitution, die ein vielfältiges Publikum ansprechen will. Man kann eine inklusive Zusammensetzung in Workshops und Projekten nicht erzwingen. Wir arbeiten aber daran, nachhaltige Partnerschaften mit Institutionen aus dem Behindertenbereich aufzubauen, die uns helfen, unsere inklusive Haltung an die jeweiligen Zielgruppen zu kommunizieren und so unser Engagement stetig auszubauen. Zudem prüfen wir neue Massnahmen, etwa generationenübergreifende Konzertbesuche für Jugendliche und Seniorinnen und Senioren sowie Angebote für
Menschen mit Sehbehinderungen. Man könnte so vieles machen, an Ideen mangelt es uns nicht!

Porträt des Luzerner Sinfonieorchesters im Newsletter von «Kultur inklusiv»