22. August

Stand gestern, am 21. August, für die meisten Musiker Sightseeing in Chicago im Vordergrund, nicht zuletzt aufgrund des Umstands, dass viele Instrumente erst heute, am 22. August, zur Verfügung standen (was auf Tourneen normal ist, Instrumente reisen nämlich separat als Luftfracht), so galt es heute wieder ernst. Rossinis Wilhelm Tell Ouvertüre, Bruchs Violinkonzert und Brahms' erste Sinfonie standen auf dem Programm!

Um 9.30 Uhr holten uns also die Busse ab, die zum Festival in Ravinia fuhren. Dort angekommen, nahm man das eigene Instrument aus den Transport-Containern und begann, sich für die Generalprobe einzuspielen, welche pünktlich um 11 Uhr begann. Die Probenanzahl für diese Tournee war knapp bemessen worden, weswegen Chefdirigent James Gaffigan während der Generalprobe noch etliches korrigieren musste. Er tat dies in der sehr effizienten Manier, die wir von ihm gewohnt sind und somit konnten wir um 14 Uhr mit Genugtuung per Bus wieder zurück zum Hotel brausen.

Es kam Hunger auf. Wir Orchestermusiker haben im Vergleich zu anderen Berufsgruppen antizyklische Arbeitszeiten, da die Konzerte ja dann stattfinden müssen, wenn die übrigen Menschen frei haben (sonst gäbe es kein Publikum). Natürlich kommen Musiker dadurch häufig in den Genuss menschenleerer Supermärkte oder Schwimmbäder usw., weil alle Nichtmusiker dann arbeiten, wenn wir frei haben und umgekehrt. Nun aber war das Hotelrestaurant bereits geschlossen, was die Kehrseite dieser Medaille ist. Glücklicherweise war es möglich, in der Hotelbar typisch amerikanische Speisen zu ordern. Da alle gleichzeitig in das Lokal kamen und bestellten, dauerte es ein wenig länger. Ähnlich die «Musiker-Rushhour» später am Abend vor dem Lift im Hotel: Wenn das ganze Orchester gleichzeitig aus den Zimmern kommt und zum Orchesterbus will, dann sind die Hotel-Aufzüge schnell überlastet. Man nimmt also mit Vorteil die Treppe. Das sind ganz normale Tournee-Phänomene.

Der Buschauffeur am Abend fuhr fälschlicherweise nicht zum Künstlereingang, sondern dorthin, wo das Publikum parkierte. Den verdutzten Parkwächtern hielt er lauthals krächzend entgegen, er bringe die «Band», die «Music», «the Group», man solle ihn durchlassen, sonst gäbe es heute Abend keine «Show», womit er ungewollt für Heiterkeit bei uns Fahrgästen sorgte. Er schien nicht zu akzeptieren, dass er sich ein wenig verfahren hatte. Beim Aussteigen fand er es nämlich «unbelievable!», dass wir zum Konzertgelände «walken» mussten und meinte, dass die Veranstalter noch «a lot to learn» hätten. Amerika, das wurde uns nicht erst da klar, ist keine Gegend, wo die Menschen zu Fuss irgendwohin gehen und seien es nur ein paar hundert Meter wie jetzt. Für uns jedoch kein Problem. Wir schritten also gewissermassen durchs Publikum zum Konzertsaal, wobei Konzertsaal das falsche Wort ist, denn es war ein abgedecktes, zu den Seiten hin offenes Amphitheater. Ausserhalb desselben waren in der umgebenden Park-Anlage viele Leute gerade dabei, sich auf ein gemütliches Picknick mit klassischer Live-Musik aus dem Hintergrund (also uns vom Luzerner Sinfonieorchester mit Rossini, Bruch und Brahms) zu freuen. Unser Durchmarsch durch die Menge veranlasste sie zu spontanem Applaus.

Schliesslich begann das Konzert um 20 Uhr. Das Orchester hatte sich in einen Kellner-ähnlichen Look geworfen (Hemd und Veston beide weiss, Fliege und Hosen schwarz für die Herren, sowie weisse Bluse und schwarzer Rock oder Hose für die Damen) – in Ravinia Tradition. Die Akustik in diesem Semi-Openair-Konzert war besser als ich erwartet hatte, wenngleich nicht so optimal wie im KKL. Musikalisch registrierte ich im Vergleich zur Generalprobe nochmals eine deutliche Steigerung. Das Publikum zeigte sich denn auch zufrieden. Der Abend klang im Hotelrestaurant aus, welches dieses Mal extra für uns offen blieb.

(Sebastian Diezig, Stv. Solo Cello)