Elgar & Dvořák – Klangwelten zwischen Aufbruch und Abschied
Michael Sanderling dirigiert Elgar und Dvořák
Eine Einführung zum Sinfoniekonzert mit Michael Sanderling, Jaemin Han und Werken von Cherubini, Elgar und Dvořák.
Essay von Urs Mattenberger
Nach dem vermeintlichen «Ende der Geschichte» ist die Realität der Kriege mit den Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten wieder schmerzhaft präsent. Eine überraschende historische Perspektive darauf eröffnet die aktuelle Saison des Luzerner Sinfonieorchesters: Sie führt zurück in die Gründungszeit des Orchesters um 1805/06 – eine Epoche, in der Europa selbst von Krieg erschüttert wurde.
Während sich Musikliebhaber im Luzerner «Comödiensaal» über der Sakristei der Jesuitenkirche trafen, um Werke von Haydn, Mozart oder Beethoven zu spielen, tobten auf dem Kontinent die Koalitionskriege im Gefolge der Französischen Revolution und der Feldzüge Napoleons.
Revolution und Aufbruch: Cherubini
Diese Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs spiegelt sich auch in der Musik. Am Anfang des Konzertprogramms steht Luigi Cherubini, ein italienischer Komponist, der in Paris wirkte und zu den musikalischen Zeugen der Französischen Revolution zählt.
Die Ouvertüre zu seiner Befreiungsoper Faniska, 1806 im von Napoleon besetzten Wien uraufgeführt, trägt noch den heroischen Ton dieser Epoche in sich. Strahlende Trompetensignale und eine gespannte Dramatik lassen die Aufbruchsstimmung jener Zeit hörbar werden.
Nationalismus und sinfonische Leidenschaft: Dvořák
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus den politischen Veränderungen der Revolution auch ein wachsendes nationales Selbstbewusstsein. In der Musik findet es einen eindrucksvollen Ausdruck in Antonín Dvořáks Siebter Sinfonie.
Besonders im dritten Satz zeigt sich die faszinierende Verbindung von slawischer Folklore und sinfonischer Tradition. Rhythmisch raffiniert kombiniert Dvořák hier den Wiener Walzer mit dem tschechischen Furiant – ein musikalischer Dialog zwischen zwei kulturellen Welten.
Die Sinfonie ist damit ein ebenso leidenschaftliches wie farbenreiches Werk und ein echtes «Schlemmermahl» für Einsteiger wie für erfahrene Konzertgängerinnen und Konzertgänger.
Ein Abgesang auf eine Epoche: Elgar
Als sich die Spannungen des Nationalismus im Ersten Weltkrieg entluden, entstand Edward Elgars Cellokonzert – eines der bewegendsten Werke des späten romantischen Repertoires. Elgar komponierte es 1918 in einer persönlich schwierigen Zeit, geprägt von der Krankheit seiner Frau Alice und vom Erschüttertsein über die Zerstörungskraft des Krieges.
Das Konzert wirkt wie ein Abschied von einer vergangenen Welt: ein grosser Klagegesang, der jedoch nie in Schwere versinkt, sondern Melancholie mit einer erstaunlichen Vitalität verbindet. Der Freund und Biograf des Komponisten, William Henry Reed, beschrieb das aufgewühlte Finale als «eine der bewegendsten Stellen, die Elgar je geschrieben hat» – und als eine Vorahnung des kommenden Leids.
Eine Begegnung der Generationen
Den Solopart übernimmt der vielfach ausgezeichnete südkoreanische Cellist Jaemin Han, einer der spannendsten jungen Musiker seiner Generation. Am Pult steht Chefdirigent Michael Sanderling, der als Jugendlicher in der DDR selbst erlebt hat, wie riskant es sein konnte, sich gegen ein autoritäres System zu stellen. Für ihn verbinden sich in diesem Programm persönliche Erfahrung und musikalische Interpretation auf besondere Weise.
So verspricht die Begegnung von Solist, Dirigent und Orchester ein intensives Konzerterlebnis – zwischen historischer Erinnerung und gegenwärtiger musikalischer Leidenschaft.