Ernst Levy (1895 – 1981)
Streichquintett c-Moll (1916)

Richard Strauss (1864 – 1949)
Metamorphosen, Septett-Fassung (1945), Rekonstruktion der Urfassung für Streichsextett und Kontrabass von Rudi Leopold

Vergessen ist eine überlebenswichtige Fähigkeit; wo käme man hin, wenn einem nur schon der vergangene Monat in allen Einzelheiten gegenwärtig wäre? Man kann es beim Vergessen aber auch übertreiben, und dafür ist die Schweizer Musikgeschichte ein gutes Beispiel. Andere «nationale» musikalische Traditionen sind zwar genauso amnesieaffin, haben aber den Vorteil, aus ihrer nicht immer beneidenswerten Vergangenheit schöne Kategorien geerbt zu haben, bunte Schächtelchen, in die ihre Künstler zumindest verstaut werden können. Bei uns? Wir wissen nicht recht, ob es so was wie «Schweizer Musik» jenseits des Alphorns gibt und vergessen lieber schnell und vollständig, man hat ja schliesslich noch anderes zu tun. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ein mitten im Zweiten Weltkrieg aus wirtschaftlichen Gründen in die USA emigrierter Symphoniker vom Rang eines Ernst Levy (1895 – 1981) auch den Spezialisten unbekannt geblieben ist?

Das diesjährige Kammermusikprogramm der Musikerinnen und Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters bietet eine hervorragende Gelegenheit, solch alte Muster zu durchbrechen. Schweizer Musik gleicht nämlich dem Land mehr, als es unseren Nationalisten lieb sein kann. Die Sprachregionen liessen sich von jeher durch die kulturell lautstarken Nachbarn inspirieren, was eine ästhetische Ungleichzeitigkeit grösseren Ausmasses zur Folge hatte. Schweizer Komponisten konnten und können ihre Heimat wählen, wie der mit «deutscher» ästhetik stark verbundenem Othmar Schoeck (1886 – 1957) oder der frankophile, bisweilen auch bartökelnde Conrad Beck (1901 – 1989). Noch vielfältiger wird das Bild, wenn man sozusagen das musikalische Ius sanguinis mit dem Ius soli kombiniert. Schweizer Musik besteht dann sowohl aus Werken von Emigranten wie Levy als auch von Immigranten wie Arthur Honegger, Daueraufenthalter wie Igor Strawinsky und Touristen wie Béla Bartók und Gabriel Fauré, die wie ihre Vorgänger Liszt, Wagner und Brahms in der Schweiz bedeutende Werke schrieben. Diese Tradition, die der Schweiz kaum bewusst ist, führt ein Musiker wie Marcelo Nisinman (*1970) nahtlos fort.

Schliesslich entstanden zwei Höhepunkte des Programms auf einheimische Veranlassung. Der Musiker und Mäzen Paul Sacher, eine Schlüsselfigur der musikalischen Moderne, gab sowohl Béla Bartók wie Richard Strauss die Möglichkeit, zwei besonders eindrückliche Spätwerke zu komponieren. Der Schatten des Zweiten Weltkriegs verbindet diese stilistisch so verschiedenen Werke bis ins musikalische Detail; sie sind Erinnerungsmusik von eindringlicher Intensität. Im Skizzenbuch des achtzigjährigen Richard Strauss findet sich auf dieses Stück bezogen der Eintrag «Trauer um München»; die Uraufführung fand am 25. Januar 1946 unter Sachers Leitung in Zürich statt; Bartók war vier Monate früher gestorben.

«La mémoire suisse» zeitigt eine ungeahnte Fülle von hochqualitativen Werken, emotionalen Höhe- und Tiefpunkten, Echokammern und Eigenartigkeiten, die alle in gewisser Weise ihre Entstehung dem kleinen, privilegierten Landstrich verdanken, in dem wir leben dürfen.

Erinnern wir uns!

Manuel Bärtsch

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